Vielschichtige Einblicke und aktuellste Erkenntnisse präsentierte Tobias Windmaißer 25 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern beim ILE-Infoabend zum Thema „Regionaler Wasserhaushalt, Bodennutzung und Klima“ im Gasthaus Kerber in Fürstenstein.
ILE-Geschäftsführerin Gabriele Bergmann begrüßte zu Beginn die Gäste und den Referenten: er ist Biologe, Mitarbeiter des BUND Naturschutzes, der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald sowie Nebenerwerbslandwirt. Also jemand, der weiß, wovon er spricht!
Eigentlich liege sein Schwerpunkt in der Botanik, so Windmaißers einführende Worte, aber der erste Berührungspunkt mit dem Thema Gewässer waren die Flusskrebskartierungen, die er über ein Jahrzehnt vornehmen durfte. Der Startschuss für ein neues Betätigungsfeld. Verschiedene Stationen führten den gebürtigen Landshuter schließlich vor rund sechs Jahren zum Bund Naturschutz und zuletzt zudem in den Nationalpark Bayerischer Wald.
Flut und Dürre seien die prägenden Ereignisse, die er seitdem in der Region erlebt habe. Auch in der Landwirtschaft werde es immer schwieriger sich auf die Witterungsverläufe einzustellen. Seine Empfehlung ist die Rückbesinnung auf den „kleinen Wasserkreislauf“, d.h. also die Sicht auf die Zusammenhänge zwischen Verdunstung und Niederschlag in der Region. „Dieser kleine Wasserkreislauf macht mehr als die Hälfte des Niederschlags aus“, so Windmaißer.
Die Grundlage für das Wachstum unserer Wälder bildet der sogenannte „Zwischenabfluss“, da an den Hängen des Bayerischen Waldes selten Grundwasser im klassischen Sinne vorhanden ist. Dieses Wasser fließt aufgrund verschiedener Faktoren (Versiegelungen, Bodenverdichtung, Forstwege-/straßen) zunehmend rascher in die Täler ab und trägt dadurch zu Überschwemmungen weiter unten bei. Wenn das Wasser des Zwischenabflusses einmal gebündelt ist, wird es schwer, dass es wieder versickert oder langsam verrieselt. Wenn dieses aber zu schnell oberflächlich abfließt, gelangt dies nicht in den Zwischenabfluss bzw. das Grundwasser und es bleibt zu wenig für die Bäume. Bäume die ihrerseits unter Dürrestress leiden, verdunsten weniger Wasser und können so nicht mehr in ausreichendem Maße für Verdunstungskühlung sorgen. Somit sind auch land- und forstwirtschaftliche Wege bzw. deren Wegseitengräben ein wesentlicher Teil der Dürremisere.
Ein Teufelskreis
Daher spricht man auch vom „landnutzungsgetriebenen Klimawandel“ versus dem „globalen Klimawandel“. Diese Einsicht ist wichtig, um zu erkennen, dass man in der Region durchaus selbst etwas gegen den Klimawandel tun kann und sogar unbedingt tun muss! Denn wie eine Aufzeichnung der Wetterstation in Waldhäuser (Landkreis Freyung) zeigt, hat die Temperaturerhöhung dort in den letzten 50 Jahren um 2° zugenommen. Dies bedeutet sogar eine höhere Erderwärmung in der Region als im globalen Durchschnitt! So sind dort auch in etwa 300 Sonnenstunden mehr pro Jahr gemessen worden und ebenso seien „die Schneehöhe und die Liegedauer des Schnees massiv gesunken“, wie Windmaißer weiter ausführt. „Der trockene, kalte Wind der letzten Wochen ließ den Boden austrocknen bevor die Bäume überhaupt ausgetrieben haben“, lautet das bittere Resümee seiner Beobachtungen in diesem Frühjahr. Diese Erkenntnisse träfen auch auf die Ackerböden und damit die Landwirtschaft zu.
Die globale Temperaturerhöhung und Starkregenereignisse haben natürlich auch Folgen für die Böden. Bodenlebewesen wie Regenwürmer oder auch Pilze, die für die Bodenstrukturierung große Bedeutung haben, benötigen Wasser und lockere Böden. Wenn sie fehlen, beispielsweise wegen Verdichtung oder Wassermangel, nehmen Wasseraufnahmefähigkeit und Bodenstabilität ab, was damit wiederum das Ausgangsproblem verstärkt. Zwischenfrüchte müssten angebaut werden, um den Humusaufbau zu unterstützen. Aber auch die Entwicklung einer Zwischenfrucht benötigt Wasser und ist empfindlich gegenüber der vielfach beobachteten Hitzesituation zur Aussaatzeit. „Wenn sich die Zwischenfrucht aus diesen Gründen nicht entwickeln kann, kommt ihre positive Wirkung gegen die aufgezeigten Probleme nicht ausreichend zum Tragen“, so der Fachmann. Es handele sich um einen „Teufelskreis“. Es gibt mehrere Faktoren, die sich hier gegenseitig beeinflussen. Auch der Einsatz schwerer landwirtschaftlicher Maschinen gehört dazu. Landwirtschaft ist darin einerseits „Mitverursacher“und „Leidtragender“ zugleich, stellte Windmaißer fest.
Was kann man tun?
Der Fachmann plädiert für mehr Wasserrückhalt in der Landschaft und damit eine Aktivierung des kleinen Wasserkreislaufes, um das lokale Klima zu stärken. „Wir brauchen wieder mehr Feuchtflächen in unserer Landschaft, aus denen Wasser verdunsten kann, wobei die Aufheizung verringert und neuer Niederschlag bebildet wird“
Bewährt hätten sich hier Maßnahmen wie die „Offenlegung von Verrohrungen“ zurück an die Oberfläche, so dass wieder mehr kleinere Gewässer wie Tümpel oder Bachläufe vorhanden sind. Diese führen einerseits dazu, dass sich mehr Biodiversität einstellt, aber auch dass mehr Verdunstung stattfindet, die an anderer Stelle der Region wieder in Form von Tau oder Regen zugutekommt. Auch stabile Fließgewässer- und Auelandschaften – mit mehr Platz und ohne Eintiefungstendenzen seien hier ganz entscheidend!
An geeigneten Standorten könnten Auwälder entwickelt oder bestehende durch die Pflanzung von beispielsweise Erlen (statt Fichten) verbessert werden. Die Wurzeln der Erle geben der Gewässersohle und den Ufernmehr Stabiltät und tragen zur Selbstreinigung der Gewässer bei, so Windmaißers Ausführungen.
Besonders kritisch sei aber die intensive Nutzung von Moorböden. Dabei zeigte Windmaißer anerkannte, aktuelle Forschungsergebnisse auf. Prognostiziert würde, dass in den nächsten 30 Jahren rund 40 Prozent der genutzten Moorbodenflächen für eine intensive, insbesondere ackerbauliche Nutzung verloren gehen werden. Intelligente Lösungen, die eine Nutzung auch bei hohen Wasserständen ermöglichen, müssten daher weiter forciert und optimiert werden. Denn bei niedrigen Wasserständen werden alljährlich nicht nur immense CO2-Mengen freigesetzt, sondern es gehen unserer Landschaft auch wertvolles Wasser verloren, das wir erneut dringend für Verdunstung sowie Grundwasser- und damit Trinkwasser-Neubildung benötigen. Schließlich müsse man bedenken, dass mit einem Hektar geackertem Moorboden im Schnitt alljährlich über 40 Tonnen CO² – Ausstoß und ein Verlust von 100 m3 Torf verbunden ist!
„Bewährt hat sich auch in der Region bereits die Bewirtschaftung von feuchten Weideflächen mit Wasserbüffeln, deren Bedeutung für den Naturschutz belegt ist“, ein weiterer Ratschlag des Experten. Die beweideten Flächen würden sich hinsichtlich Flora und Fauna positiv verändern, beispielsweise durch das Entstehen von Laichtümpeln durch das „Suhlen“ der Tiere.
Abschließend sein Appell an die kommunale Ebene, da ja die elf ILE-Gemeinden des Passauer Oberlandes den Info-Abend veranstalteten: Das Projekt boden:ständig der Ämter für Ländliche Entwicklung, das in vielen Kommunen nach Starkregenereignissen bereits in Anspruch genommen werde, auf Anwendung für die eigene Gemeinde zu prüfen. Zudem eine angepasste „Grabenpflege“ zu betreiben. Die Rede ist von der Räumung von Straßengräben, die oftmals zu schematisch ausgeführt werde und sich künftig mehr am tatsächlichen Mindestbedarf und auch ökologischen Anforderungen orientieren sollte. Denn in bestimmten Phasen des Jahres bleibe zwar der effektive Abfluss des Wassers wichtig, doch in anderen Phasen sollte das Restwasser eher so langsam als möglich abfließen könne.
Ebenfalls erwähnte er die Möglichkeit zur Flächenentsiegelung und den neuen Trend zu Schwammstädten oder Schwammwäldern.